Aus der Reha- Klinik bis hin zur Deutschen Meisterschaft!

                                    Tatsachenbericht einer Leidenschaft

                                                Von Dieter Schnepel

 

 

Als ich im Februar 2007 meine gewohnten Reha - Maßnahmen in Bad Rothenfelde antrat, - diese wiederhole ich alle 4-5 Jahre – kannte ich außer meiner Arbeit noch Familie, Urlaub und Gemeinschaften auf beruflicher Ebene.

 

Ich bin seit 1979 linksseitig beinamputiert, Diabetiker, Bluthochdruck- Patient, Bypassoperiert in den Beinen, u.v.m. Mein Schwerbehindertengrad würde zusammengerechnet mit allen meinen Krankheiten ca. 160% ergeben. Da aber 100% der höchste GdB ist, besitze ich diesen seit nunmehr fast 10 Jahren und bin im Besitz eines Rollstuhlausweises zur Parkerleichterung.

 

Kurz und gut, ich bin wahrlich nicht mehr der aktivste Sportler, inzwischen über 50 Jahre alt und trinke in Gemeinschaft auch gern mal ein Glas Bier.

Im Rahmen der Reha in Bad Rothenfelde stand dann eines Tages „Bogensport“ auf meinem Therapieplan. Zuerst dachte ich, dass sich die Ärzte wohl vertan hätten und wollte diese Maßnahme bei der Therapiesteuerung zunächst stornieren, da ich schließlich nichts mit den Händen hatte, sondern lediglich Probleme beim Laufen. Ich hatte allerdings bei der Aufnahme in der Klinik noch angegeben, dass ich manchmal leichte Schmerzen in den Schultern habe. Es wurde daher Arthrose diagnostiziert.

 

Nun gut, in der Reha macht man viele Dinge, die im täglichen Leben absurd erscheinen. Also ging ich zur festgelegten Stunde in die Turnhalle der Reha- Klinik. Dort erhielten wir eine kurze Einweisung in die Bogentechnik und schon ging es los. Ich fühlte mich auf einmal in meine Jugendzeit zurückversetzt, so, wie wir früher Winnetou und Old Shatterhand gespielt hatten. Wir schossen mit den Blankbogen auf Scheiben. Auch kleine Federbälle, die auf den Toren placiert waren,  wurden „abgeschossen“. Es war ein Heidenspaß und leider nach knapp einer Stunde „Therapiezeit“ viel zu kurz. Klar, dass ich jetzt bei der Therapiesteuerung bat, diese „Übungen“ im Bogensport mehrfach in der Woche wiederholen zu dürfen.

 

Und so geschah es auch. Die Münsterlandklinik in Bad Rothenfelde, in welche ich regelmäßig fahre, ist schon fast ein Hotel „im Gesundheitsbereich“. Man kann sich dort einfach nur wohlfühlen und die Sportarten, die dort angeboten werden, sind sehr umfangreich. Auch die Klinik in sich bietet eigentlich alles, um sich zu generieren. So hatte ich damals auch meinen Laptop mit und konnte diesen in meinem Zimmer benutzen. Im Internet erforschte ich weitere Einzelheiten zum Bogensport und suchte auch Seiten, die sich mit Bogensport in meiner Wohnortnähe befassten.

 

Schnell erreichte ich die Seite des FC Pfeil Broistedt. Dieser Ort ist etwa 8 Kilometer von mir entfernt. Die Homepageseiten des FC Pfeil Broistedt gefielen mir schon damals recht gut. Es sind viele Informationen, Tipps und Ergebnisse abrufbar. Also entschloss ich mich, dort anzurufen. Michael Finke stand als Spartenleiter auf den Seiten. Toll fand ich, dass man sofort eine Telefonnummer erkennen konnte. Kurzerhand rief ich bei Michael an und erklärte ihm, dass ich mich in einer Rehamaßnahme befinde und beabsichtige, nach Beendigung derselben den Bogensport zu probieren. Die kurze und knappe Antwort von Michael, „ich solle dann mal zum Training vorbeischauen“, verwunderte mich zunächst etwas, hatte ich doch gehofft, weitere Auskünfte zum Verein, zu den Bedingungen oder den Pflichten, die ein Vereinsleben mit sich bringt, zu erfahren. FEHLANZEIGE! Ich solle mal zum Training kommen, dann würden wir weitersehen. Nun gut.

 

Zu Hause angekommen, holte mich schnell der Alltag wieder ein und ich vergaß zunächst das Telefonat mit Michael. In Gesprächen mit Arbeitskollegen erzählte ich dann aber über die Sportart Bogenschiessen, die ich in der Reha kennengelernt hatte, und erklärte meinen Freunden und Arbeitskollegen, dass ich damit beginnen würde. Unser damaliger Auszubildender fragte mich, ob man denn „damit was erreichen kann“. Um etwas Pädagogik in das Lerngespräch zu bringen, erklärte ich ihm dann, dass man schon Ziele im Leben verfolgen müsse und an sich arbeiten muss, damit etwas erreicht wird. (Schlaue Sprüche, aber manchmal helfen sie ja auch)

 

Da ich mich jetzt etwas weit aus dem Fenster gelehnt hatte, musste ich meinen Worten nun ja auch Taten folgen lassen. Also machte ich mich eines Samstags auf den Weg, um den „Verein Bogensport“ in Broistedt kennen zu lernen. Zunächst war es ein etwas mulmiges Gefühl und ich kam mir zuerst vor, als wenn ich mich für einen neuen Job bewerben würde. Die Angst vor dem Neuen wurde mir aber schnell genommen. Michael begrüßte mich und stellte mir die anderen Bogenschützen vor. Dana, Andrea, Kirsten, Andreas, Meik, alles Namen und neue Gesichter, die ich zunächst nicht so schnell einordnen konnte. Aber alle waren recht nett und störten sich auch nicht an meiner Behinderung ( zumindest ließen sie es sich nicht anmerken)

 

Kurzerhand übergab mir Michael dann seinen Bogen und fragte mich, ob ich es mal ausprobieren wolle, zu schießen. Ich schaute den Bogen an und dachte zunächst, ich begegne einem „Raumschiff der dritten Art“. Alles was ich dort sah, hatte nichts, aber auch rein gar nichts mit dem mir bekannten Blankbogen aus der Reha zu tun. Zunächst hatte das Ding ein Visier (in der Reha reichten unsere bloßen Augen) Zusätzlich gab es einen Fingertab (in der Reha zogen wir die Sehne ohne solches Gedöns) und die Standstellung seitlich zum Ziel wurde auch vorgegeben (so ein Quatsch – in der Reha standen wir schließlich auch gerade zum Ziel). Michael erklärte mir dann, wie wichtig die Standstellung sei und das Bogensport eine Konzentrations– und Körperhaltung ist (so ein Blödsinn, ich muss doch nur das Ziel treffen.)

 

Ich nahm den Bogen, zog aus, zielte etwas verkrampft durch das Visier, löste....... und bums, ...... der Pfeil ging daneben. Alles was ich in der Reha mit einem so großen Erfolg gemacht hatte, funktionierte hier nicht.

 

Nur gut, dass Michael wirklich ein Geduldsmensch ist. Ich wollte den Bogen umbauen, um wieder so zu schießen, wie ich es in der Reha gelernt hatte (ohne Visier, ohne Tab, aus der Hüfte schiessend usw.) Er erklärte mir jedoch, dass Bogenschiessen mehr ist als nur einmal zu probieren, zu treffen, zu siegen ... und wieder nach Hause zu gehen.  Bogenschiessen sei eine Leidenschaft, die man erst langsam begreift, wenn man ständig trainiert, um seine eigenen Ergebnisse zu verbessern. UND DAS MIR! Ich, der gerne den Ton angibt, anderen Menschen zeigt, wo es langgeht, wurde erklärt, dass mit „schnell, schnell“ beim Bogenschiessen gar nichts erreicht wird.

 

Um meinen persönlichen Seelenfrieden wieder zu finden, erklärte ich damals, dass ich beruflich sehr eingespannt sei ( man nimmt sich manchmal wichtiger als man denn ist) und ich nicht immer Zeit hätte, regelmäßig zu trainieren. Aber auch hierauf hatte der Spartenleiter Michael die passende Antwort. Er erklärte mir, dass Bogenschiessen sowohl eine Einzel- als auch Mannschaftssportart ist und man sich selbst aussuchen kann, wie weit man kommen will. In einer Mannschaft werden immer nur die besten 3 Schützen gewertet. Wenn man „nur mal so“ und nur „ab und zu“ trainieren will, - auch gut.

 

Bingo- und so kam es dann auch. Im ersten Jahr – es war Sommer und mein Beruf nahm ich viel wichtiger als Sport, Gemeinsamkeit, Freunde, Erlebnisse, Lachen, Erfolg usw. – und trainierte nur sehr unregelmäßig. Aber erstaunlich – keiner nahm es mir übel. Immer dann, wenn ich zum Training kam, wurde ich freundlich begrüßt, über die Neuerungen informiert und mir wurde angeboten, bei Turnieren dabei  zu sein. Damals verweigerte ich zuerst eine Teilnahme wie die Pest (schließlich wollte ich mich mit meiner Unwissenheit und wenigen Erfahrung nicht blamieren). Schnell zeigte mir dann aber die Gemeinschaft der Bogenschützen des FC Pfeil Broistedt, wie falsch ich mit meiner Einstellung und meinen Vorurteilen lag.

 

Dazu später einiges mehr. Im Jahr 2010 nahm ich das erste Mal an der Deutschen Meisterschaft der Behinderten in Nieder- Florstadt teil. Wenn mir dass jemand vor 3 Jahren erzählt hätte, hätte ich ihn wahrscheinlich „einliefern“ lassen. Aber so ändern sich die Prioritäten. Ich möchte mit dieser Artikelserie, die jetzt in den nächsten Wochen folgt, Behinderten den Mut geben, sich ebenfalls zu engagieren. Zu engagieren in einer Sportart, in welcher eine Körperbehinderung kein Grund ist, sich sportlich auszuschliessen. Im Gegenteil, ich habe in und mit der Gemeinschaft der Bogenschützen soviel Unterstützung, aber auch Anerkennung für meine Leistungen erhalten, die ich niemals mehr missen möchte. Ich habe weiterhin dort Freunde fürs Leben gefunden, mit denen ich ausserordentlich viel Spaß habe und mit denen ich zu Turnieren fahre, aber auch sonst in der Gemeinschaft viel erlebe. In den letzten 3 Jahren meiner Mitgliedschaft ist soviel Positives passiert, über das ich gern berichten möchte. Ich hoffe damit weiteren Menschen Türen zu öffnen, die sich sonst vielleicht nicht trauen, dabei zu sein.

 

Da es hier viele Stationen gibt, möchte ich diese jetzt nur in Überschriften bekannt geben und hier in Steps veröffentlichen. Es würde mich freuen, wenn die Erlebnisse mit mir geteilt werden. In den nächsten Wochen werde ich daher über folgende Erlebnisse, Ereignisse und Personen schreiben, die ich jetzt als Überschrift benenne.

 

Andrea`s Angebot “

„Meine erste Vereinsmeisterschaft“

„Hartmut Kaune – Trainer der ersten Stunde“

„Unser Aussengelände“

„Olli – und die vergessene Mettwurst - heute für mich ein   

  Freund, auf den ich mich verlassen kann"

„Die Kreisverbandsmeisterschaft in Broistedt“

„Michael- der Typ, der Mensch und die Jugendarbeit“

„Meine erste Landesmeisterschaft der Behinderten in

  Walsrode“

„Andreas“

„Jugendarbeit bei den Pfeilen“

„Die Damenriege“

„Meine erste deutsche Meisterschaft“

 

 

Ich wünsche allen viel Spaß beim Lesen und den Beteiligten schöne Erinnerungen!

 

Dieter Schnepel