Andrea´s Angebot

 

 

Andrea F. ist eine flotte „Mitdreißigerin“ , bei der man schon mal die Zunge schnalzt, wenn man ihr hinterher schaut. Nicht, dass sie Mitte dreißig wäre, dass habe ich damit nicht gesagt. Ihr wahres Alter werde ich hier nicht veröffentlichen, aber „Mitdreißiger-innen“ haben ja das gewisse Extra, sagt man.

 

Andrea ist eine Frohgeburt an Fröhlichkeit. Ich glaube, ich habe sie in all der Zeit, in der ich sie kenne, noch nie mit schlechter Laune gesehen. Gott hilf dass es so bleibt, denn mit ihrem bekannten Durchsetzungsvermögen möchte ich sie nicht gerade begegnen, wenn sie denn mal schlechte Laune hätte.

 

Sie könnte auch als „Maria Hilf“ durch die Lande ziehen, denn immer, wenn es etwas zu helfen gibt, - Andrea ist dabei. Egal, ob es sich nun um einen Kuchen backen für ein Turnier oder die Versorgung der Männer während der üblichen Hausarbeiten am Bogenhaus geht, Andrea fragt nicht lange, sie macht es ganz einfach. Lachen ist ihr Lebenselixier und es macht Spaß, gemeinsame Stunden bei den Bogenschützen mit ihr zu erleben.

 

Warum erzähle ich dass hier jetzt eigentlich alles?

 

Nun ja, wenn man Andrea besser kennt, könnte man auch annehmen, sie wäre genau das Gegenteil von dem, was sich so heute alles als emanzipierte Frauen bezeichnet. Sie geht nicht gerne shoppen (wirklich wahr) und sie mag auch nicht so neumodischen Kram wie Internet (den hat die Familie nur in der Firma) oder Post aus dem Email- Kasten abholen. Andrea liebt noch die Postkarte, die man ihr aus dem Urlaub schreibt und ihre Familie, auf die sie mit Argusaugen wacht.

Noch heute erzählt sie oftmals von Ihrer großen Liebe und dass sie es war, die dem Mann Ihrer Träume fast hinterhergelaufen ist. Dabei bekommt sie, wenn sie davon erzählt, einen schwärmerischen Blick, gerade so, als wenn sie von Georg Clooney oder Heath Ledger spricht. Dabei meint sie jedoch ihren eigenen Mann, mit dem sie schon seit über 12 Jahren verheiratet ist. Toll, nicht wahr! Dieser Mann muss sich glücklich schätzen.

So, jetzt wisst ihr, wie Andrea gestrickt ist. Die Geschichte, die ich jetzt erzähle, wird Euch daher wohl ein wenig aus der Fassung bringen und auch Andrea wird, wenn sie diese Zeilen dann zu Ende liest, ein wenig mehr rote Farbe im Gesicht haben.

Es war kurz nach meinem Eintritt in den Pfeil Broistedt und ich trainierte noch auf große 80er Auflagen in einer 18 Meter Halle. Ich war froh, wenn ich die Scheibe traf und die anwesenden Bogenschützen unterstützten mich in meinem Tun, sodaß ich mir mit dem Bogen und den Pfeilen nicht die Finger brach.

Es war an einem Samstag Nachmittag, als ich zum Training erschien. Andreas half mir, wie schon so oft zuvor, den Bogen und die Gerätschaften wie Visier, Brustschutz usw. richtig zu montieren. Da ich erst wenige Male zuvor beim Training war (also noch blutjunger Anfänger), versuchte ich mein Glück und schoß die Pfeile auf die Scheibe. Dabei traf ich (viel Glück, wenig Können) die Auflage einmal im Gold ( 9 bzw. 10 Ringe) Die anderen beiden Pfeile flogen zwar auch nicht vorbei, waren aber deutlich schlechter platziert.

 

Nun, so wie ich Andrea beschrieben habe, kam ihr „Maria Hilf“ zum Vorschein und sie nannte mich einen „Profi“ , erklärte, so hätte sie bei ihrem Beginn nicht geschossen und „aus mir würde noch einmal ein ganz Großer werden“. Typisch Andrea!

Motivation, Anerkennung und aufmunternde Worte, eben so, wie man sie kennt. Dabei kannte sie mich scheinbar aber noch nicht richtig. Von Beruf aus habe ich viel mit Menschen zu tun, bin eigentlich leidenschaftlicher Verkäufer und gehe oftmals an die Grenzen, um auszuloten, wie Menschen in bestimmten Situationen reagieren.

So locker, wie ich konnte, erklärte ich daher beim Pfeileziehen zu Andrea gerichtet, dass die nächsten drei Pfeile von mir alle im GOLD landen würden (Schließlich bin ich ja PROFI). Ohne dass Andrea über Ihre nun folgenden Worte wirklich nachgedacht hätte, lachte sie und antwortete spontan:

Wenn Du das schaffst, tanze ich hier nackend durch die Sporthalle!

Pause! ...... Nochmal,.......... was hatte Andrea gesagt?  Wenn Du das schaffst, tanze ich hier nackend durch die Sporthalle?

Jeder, der mich kennt weiß, dass, wenn ich eingegangene Wetten verliere, sie auch bezahle. Das ist mir kürzlich erst passiert, als ich mit Olli gewettet hatte, dass Ostern 2009 bei uns Schnee gelegen hat. (Kachelmann erklärte mir dann, dass wir Ostern 2009  über 25 Grad Plus Temperaturen hatten). Also habe ich meine verlorene Wette (einen Kasten Bier ) auch bezahlt.

Deshalb erwarte ich, dass Menschen, die Wetten eingehen, diese auch einlösen und bezahlen, wenn sie diese dann verlieren.

Wenn Du das schaffst, tanze ich hier nackend durch die Sporthalle!

Was für ein Wort! Was für ein Satz. Was für eine Aussicht!

Ruhe, Pause und...... Konzentration. Das hatte man mir schon beigebracht. Also begab ich mich an die Startlinie, schnaufte zweimal kräftig durch, spannte meinen Körper (das tat schon richtig weh), atmete tief ein, streckte meinen Bogenarm und zog die Sehne nach einem kurzen Auszug ganz durch. Dabei zielte ich, soweit das meine Augen zuließen (ich hatte damals noch keine neue Brille von meinem Freund und dem Ehemann von Andrea, Michael, erhalten), visierte das Ziel an und löste. GOLD! Gold! Gold! Ehrlich. Der 1. Pfeil landete im Gold, genau mitten in der Scheibe. Alle anwesenden Schützen hörten auf zu schiessen, als sie meinen Jubel vernahmen. Klar, jeder hatte die Wette von Andrea gehört und keiner hatte damit gerechnet, dass ich überhaupt einen der 3 Pfeile im Gold platzieren würde. 

Wenn Du das schaffst, tanze ich hier nackend durch die Sporthalle!

Na ja, Andrea, zieh Dich mal warm an. Jetzt wird es spannend. Andrea schnappte nach Luft, sagte aber nichts. Alle anderen legten ihre Bogen an die Seite und warteten auf das, was jetzt kommen würde.

Wenn Du das schaffst, tanze ich hier nackend durch die Sporthalle!

Also betrat ich das 2. Mal die Startlinie, jetzt aber schon wesentlich nervöser als beim 1. Schuss. Schließlich war ich es nicht gewohnt, dass mir alle anderen beim Bogenschiessen zuschauten. Ruhig bleiben, sagte ich mir, Du kannst nur gewinnen. Tief einatmen, Konzentration, Bogenarm gerade halten, nicht zu früh fallen lassen, Luft anhalten, das Ziel im Auge, Bogensehne durchziehen, zielen, lösen und Schuß.

Gold, Gold, Gold, der zweite Schuss ebenfalls ein Treffer.

Wenn Du das schaffst, tanze ich hier nackend durch die Sporthalle!

Ich schaute zu den Anderen, ein Riesenjubel.... nur Andrea wurde merklich ruhiger. Eine Hand wanderte zur Ihrer Stirn, so, als wenn sie überlegen müsse, was sie jetzt wohl angestellt hatte  Ja, Andrea, so fühlt sich Leon vielleicht auch manchmal, wenn er  Mist gebaut hat, jetzt kannst Du Dich in seine Lage versetzen (Leon ist der Sohn von Andrea und Michael, mehrfacher Kreismeister und derzeit ein Genie im Tennis)

Wenn Du das schaffst, tanze ich hier nackend durch die Sporthalle!

Dieses Erlebnis gehört mir. Fast schon siegessicher begebe ich mich an die Startlinie. So, als wollte ich die Aufmerksamkeit noch weiter dem Höhepunkt zutreiben, nehme ich zuvor noch ein Schluck meiner Diätlimonade zu mir (ein Bier wäre mir jetzt lieber gewesen) Geradezu mit einer quälenden Langsamkeit greife ich zum Bogen, lege den Pfeil ein, atme tief ein, strecke den Bogenarm, spanne die Sehne in den Vorauszug, ziehe durch, visiere das Ziel an,

bin mir meiner Sache absolut sicher,

und löse den Schuss.!

Wenn Du das schaffst, tanze ich hier nackend durch die Sporthalle!

Das Ergebnis: Eine 3. Das ist keine mittlere Schulnote, dass ist fast völlig daneben. Eine 3! Bogenschützen wissen, was ich meine. 

Wenn Du das schaffst, tanze ich hier nackend durch die Sporthalle!

Aus der Traum. Ein Raunen geht durch die Sporthalle. Ist es Enttäuschung über die 3 oder ist es die Enttäuschung vom vergebenen Erlebnis? Nur Andrea freut sich, lacht und ist so, wie ich sie zuvor beschrieben habe. Ein Kind der Fröhlichkeit, Maria Hilf und tolle Weggefährtin in Einem. Ich habe oftmals versucht, Andrea zu motivieren, die Wette zu wiederholen, sie hat aber niemals mehr eingewilligt. Ich würde heute sogar 5 Pfeile im Gold wetten, allerdings nur auf 18 Meter und einer 80er Auflage. 

Aber Chancen kommen bekanntlich nur einmal im Leben, man sollte sie nutzen, wenn sie winken.

In diesem Sinne, ...... alle ins Gold

Dieter Schnepel